Ende April 2026 beging die Loge zur Weltkugel das 247. Stiftungsfest aus Anlass ihrer Gründung im Jahre 1779! Aus diesem Anlass fand im Logenhaus ein Fest mit fast 70 Freimaurern aus Deutschland und Dänemark statt. Der Festvortrag kann HIER nachgelesen werden:
„Was macht eine Bruderschaft in 247 Jahren aus?
Heute wenden sich unsere Gedanken dem Jahre 1779 zu, als am 20. April acht Brüder von der Loge „Zum Füllhorn“ in Lübeck die Loge „Zur Weltkugel“ stifteten. Unsere Loge ist in dieser Zeit zu einem lebendigen Symbol gereift.
247 Jahre – beinahe ein Vierteljahrtausend. Was bedeutet eine solche Zeitspanne für eine Gemeinschaft von Brüdern? Ist sie nur ein Zeugnis von Beständigkeit – oder auch ein Prüfstein für Sinn und Zukunft?
Wenn wir heute auf 247 Jahre Freimaurerei in der Loge zur Weltkugel zurückblicken, dann blicken wir nicht nur auf Geschichte. Wir blicken auf eine Idee. Eine Idee, die Generationen überdauert hat, weil sie nie statisch war, weil sie sich immer wieder neu im Bruder verwirklichen musste.
Denn Freimaurerei ist kein Gebäude, keine Institution, kein Relikt vergangener Zeiten. Freimaurerei ist ein Weg. Auch eine Loge ist mehr als ein Versammlungsort. Sie ist ein Raum der Begegnung und zugleich ein Raum der inneren Arbeit. Hier begegnen sich Brüder nicht primär in ihren Rollen, nicht als Berufsträger, nicht als Vertreter von Stand oder Status, sondern als Suchende.
Das ist vielleicht das Radikalste an der Freimaurerei: Dass sie den Menschen nicht in seiner äußeren Funktion ernst nimmt, sondern in seinem Inneren, seinem „Werden“. In einer Welt, die von Geschwindigkeit, Meinung und Selbstinszenierung geprägt ist, schafft die Loge etwas Seltenes – Stille. Und in dieser Stille entsteht etwas, das wir im Alltag oft verlieren: Ehrlichkeit gegenüber uns selbst.
Die Loge ist daher kein Ort der Perfektion. Sondern ein Ort der Unvollkommenheit – bewusst angenommen. Ein Ort, an dem der Bruder sich nicht verstecken muss, sondern lernen darf.
Nicht um den Menschen als Träger nationaler, sozialer und religiöser Rollen ging es der Freimaurerei dabei. Um das Menschliche, vor allem aber um den Einzelmenschen war es ihr zu tun.
Der Einzelne, der Bruder, stand – und steht bis heute – im Mittelpunkt der freimaurerischen Initiation, der feierlichen Aufnahme in den Bund, und der Einzelne bildete und blieb auch das Zentrum der freimaurerischen Idee.
Und so geschieht es nicht ohne Stolz, wenn wir heute zum 247. Geburtstag folgende Feststellung auf unseren Bund beziehen:
Unsere Brüder eint nicht ihre Herkunft, sondern ihr Streben nach Humanität, Freiheit und Unabhängigkeit des Denkens.
Seit 247 Jahren sind Glaube, Liebe, Hoffnung die ewigen Säulen unserer Bruderschaft. Diese drei Begriffe tragen nicht nur das christliche Abendland, sondern auch das freimaurerische Ethos.
Die Tradition der Freimaurerei ist nicht nur reich, sie ist auch weit und vielgestaltig. Freimaurer waren nicht nur Verkünder von Ideen, sondern auch Träger und Gestalter von Kultur. Die Namen Voltaire, Lessing, Goethe und Mozart mögen Haltepunkte markieren auf diesem Spannungsbogen, der Sinn und Sinnlichkeit, Prinzip und Lebenskunst miteinander verbindet. Die Freimaurerei war nie ein Rückzugsort für Weltflucht. Sie war immer auch eine Schule für Verantwortung.
In einer Welt, die dauernd neue Prioritäten setzt, war und ist die Freimaurerei eine stets gleichbleibende, verlässliche Kraft – mit ihrem Einsatz für das Gute. Unser heutiges Stiftungsfest ist der ideale Zeitpunkt, um unsere Verpflichtungen gegenüber unseren Gründungsvätern zu erneuern.
Jeder von uns bringt etwas Einzigartiges in unsere gemeinsame freimaurische Arbeit ein. Wenn unsere Kompetenzen, unsere Begeisterung und unsere Erfahrung zusammenkommen, kann auch künftig etwas Außergewöhnliches geschehen.
Unsere Loge bietet uns nicht nur die Möglichkeit, uns zu engagieren, sondern sie hilft uns auch, uns zu entfalten und das Beste in uns hervorzubringen. Unsere Bauhütte ist ein Ort, an dem wir wachsen, Kontakte knüpfen und etwas bewegen können. Freimaurer und Demokratie leben vom Tun und nicht vom Abwarten. Packen wir unsere freimaurerische Zukunft weiter so aktiv gemeinsam an.
247 Jahre praktizierte Freimaurerei sind in der Tat ein Grund den Blick in die Zukunft zu richten und sich einmal mehr Gedanken über seine Loge und die freimaurerischen Ziele zu machen.
Die Freimaurerei hat eine bedeutende Vergangenheit, und nicht zuletzt die Stiftungsfeste unserer Logen haben die Aufgabe, mit Freude und Dankbarkeit daran zu erinnern. Erinnern heißt, Gewesenes und Geleistetes lebendig zu erhalten und jenen Enthusiasmus spürbar zu machen, den gelungene Geschichte vermitteln kann. Lebendig ist aber nur, was sich nicht in bloßer Nostalgie, im Festhalten von Vergangenheit erschöpft.
So gilt für den Umgang mit unserer Loge und mit ihrer Geschichte, was generell für die Einstellung zur FM gilt: „Nicht um die Konservierung der Vergangenheit, sondern um die Einlösung vergangener Hoffnungen ist es uns zu tun.
Was ist der Sinn der Freimaurerei, was macht eine Bruderschaft seit ihrer Gründung aus? Diese Frage begleitet die Freimaurerei seit ihren Anfängen, und sie ist heute, im 21. Jahrhundert, aktueller denn je.
Für mich ist die Bruderschaft ein innerer Weg zur Arbeit an sich selbst. Freimaurerei ist kein Verein wie jeder andere. Sie ist ein Weg – ein Weg der Selbsterkenntnis, der inneren Arbeit und der moralischen Veredelung. Die Bruderschaft ist dabei kein Selbstzweck.
Sie ist Mittel und Ziel zugleich: Sie gibt Halt – und sie fordert zugleich.
Sie schenkt Gemeinschaft – und sie verlangt Verantwortung.
Neben unserem alten Bauhüttenbrauchtum kommt darum dem brüderlichen Gespräch große Bedeutung zu: „Nichts geht über das laute Denken mit dem Freunde“. Ein Diskurs unter Brüdern soll Möglichkeiten schaffen, sich zu orientieren, die Welt klarer zu erkennen, sich gemeinsam aus Vorurteilen herauszudenken und sich im Miteinander suchender Menschen zum humanitären Handeln zu motivieren.
Vor allem kommt es darauf an, eine neue Sensibilität zu schaffen. Freimaurer bemühen sich um die Einsicht, dass richtiges Fragen wichtiger ist als vorschnelles, zu kurz gegriffenes Antworten.
Damit dies gelingen kann, ist wiederum Offenheit erforderlich, Offenheit für das Wahrnehmen zeitbestimmender, möglicherweise zukunftsgefährdender Trends, Offenheit für innovative Lösungen, Offenheit für den Mitmenschen im unvermeidbaren Lösungskonflikt.
Wozu auch die Bereitschaft gehört, eigene Interessen maßvoll zu vertreten. Nicht zuletzt aber ist die strikte Verpflichtung zu einer selbstkritischen Haltung erforderlich.
Die Bruderschaft lehrt uns: Der freie Mensch ist nicht der, der tun kann, was er will, sondern der, der weiß, was er tun soll, was er zu tun hat.
In heutiger Zeit, in der Meinungen lauter werden, aber das Zuhören leiser, in dem Individualismus wächst, aber Gemeinschaft schwindet, hat die Freimaurerei eine besondere Aufgabe: Sie erinnert uns daran, dass Freiheit ohne Maß zur Beliebigkeit wird – und Ordnung ohne Freiheit zur Unterdrückung.
Ein Bruder Freimaurer zu sein, heißt gerade in heutiger Zeit – Zugehörigkeit. Es bedeutet, eine Gemeinschaft zu finden, in der man geschätzt wird und in der jeder Beitrag – ob groß oder klein – etwas bewegt.
Mit unseren Gästeabenden und öffentlichen Veranstaltungen wie z.B. der „Blue Night“, laden wir noch mehr Menschen ein, zu entdecken, was es bedeutet, Teil von etwas Größerem zu sein. Jeder neue Bruder ist ein Licht, das ein willkommenes Mitglied unserer globalen Freimaurerfamilie ist. Jedes Neumitglied bringt neue Freundschaften, neue Perspektiven und noch mehr Gründe mit, sich weiterhin in unserer Bruderschaft zu engagieren.
Gerade in Europa, gerade in Deutschland, ja gerade hier in Lübeck – einer Stadt mit großer Tradition, mit hanseatischen Tugenden – ist unsere freimaurerische Idee in unserer heutigen schnelllebigen Zeit von unschätzbarem Wert.
Im Rückblick auf unser Gründungsjahr 1779 und deren Anlass kann unser heutiges Ziel nicht sein, einer statischen Gesellschaft der Regungslosigkeit zu dienen. Sondern, unsere freiheitliche Lebensordnung im Sinne der Gründungsbrüder weiterzuentwickeln.
In unserem heutigen Stiftungsjahr geht es auch in unserer Loge um „Flagge zeigen“ in einem Europa neuer Herausforderungen. Lassen wir die Zeit nicht davoneilen, ohne dass wir das, was man von uns erwartet, auch geschafft haben. ohne dass wir nicht alle dazu beigetragen haben, den Gedanken der Brüderlichkeit zu pflegen, um ihrer selbst willen und nicht als Mittel zum Zweck.
247 Jahre lang haben Brüder dieser Loge gewirkt, gedacht, gestritten, gelernt. Sie haben Zeiten des Friedens und des Krieges erlebt, des Aufbruchs und der Zerstörung. Und doch ist eines geblieben: der Geist der Bruderschaft!
Die Welt verändert sich schnell. Vielleicht schneller als je zuvor. Doch die großen Fragen bleiben: Wer sind wir? Wohin gehen wir? Was ist unsere Verantwortung?
Eine Anpassung an den Zeitgeist ist nicht die Aufgabe der Freimaurerei, wohl aber die Spiegelung des Zeitgeistes an den grundlegenden Idealen unseres Bundes.
Wir haben heute Entscheidungen zu treffen, die nicht nur die kurz- und mittelfristige Zukunft unserer Freimaurerei beeinflussen, sondern es werden auch Weichen für einen langfristigen Zeitraum in Deutschland und Europa gestellt. Die Situation ist kritisch geworden, und heute erwarten viele Signale, wie es weitergehen soll.
Heute stehen wir nicht wie 1945 vor Trümmern aus Stein, sondern vor strukturellen Herausforderungen: eine alternde Gesellschaft, globale Konkurrenz, technologische Umbrüche. Diese Aufgaben lassen sich nicht mit Bequemlichkeit lösen. Sie verlangen Einsatz. Sie verlangen Disziplin und, ja, sie verlangen auch Verzicht.
Eine freiheitliche Gesellschaft definiert sich nicht dadurch, wie sie in guten Zeiten lebt, sondern dadurch, wie sie auf Herausforderungen reagiert. Wir haben die Wahl: den einfachen Weg der kurzfristigen Bequemlichkeit oder den anspruchsvollen Weg von Leistung, Disziplin und Verantwortung. Der erste führt in die Schwäche, der zweite führt in die Zukunft. Lasst uns den zweiten Weg gehen, mit Mut, mit Klarheit und mit dem festen Willen, das Richtige zu tun.
Die Freimaurerei gibt keine einfachen Antworten. Aber sie gibt Werkzeuge. Sie gibt Orientierung. Sie gibt Brüder an die Seite. Und vielleicht ist das ihr größter Sinn: Nicht perfekteMenschen zu schaffen – sondern bessere Menschen.
Die Frage ist daher nicht „Was war die Freimaurerei?“, sondern „Was ist sie für uns – heute? Und was wird sie morgen sein?“ Nicht Dogmatismus und Zwang, sondern brüderliche Liebe, Toleranz und christliche Nächstenliebe sind unsere Werkzeuge, mit denen wir die Herzen der Brüder gewinnen.
Möge die Loge „Zur Weltkugel im Orient Lübeck“ auch in Zukunft ein Ort sein, an dem das Licht weitergegeben wird. Möge sie auch weiterhin gesegnet sein.“